Horváth Studie: Blindflug bei Nachhaltigkeit gefährdet die Resilienz vieler Unternehmen

Dr. Peter Sattler, Partner und Experte für Energie, Chemie und Nachhaltigkeit bei der Managementberatung Horváth.
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  • Wirtschaftlicher Druck und regulatorische Unsicherheit bremsen die Integration von Nachhaltigkeit in zentrale Unternehmensentscheidungen
  • ESG-Berichterstattung nimmt zu, bei Planung und Investitionen fehlt jedoch häufig die konsequente Steuerung
  • Unternehmen riskieren, langfristige Resilienz- und Wettbewerbsvorteile zu verspielen

Wien, 17. Juni 2026 - Der Rückenwind für Nachhaltigkeit hat spürbar nachgelassen, so der Tenor der „Chief Sustainability Officer Studie 2026“ der Managementberatung Horváth. Wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Krisen, geringerer gesellschaftlicher Druck und eine schwer kalkulierbare Regulierung verschieben den Fokus vieler Unternehmen zurück auf kurzfristige Ergebnisse. Gleichzeitig gelingt es bislang nur wenigen Unternehmen, Nachhaltigkeit konsequent in Planung, Investitionen und zentrale Unternehmensentscheidungen zu integrieren. Viele Unternehmen berichten heute umfassender über ESG, steuern ihr Geschäft jedoch noch nicht systematisch danach. Dadurch geraten langfristige Risiken sowie Resilienz- und Wettbewerbsvorteile zunehmend aus dem Blick. KI kann helfen, die Vielzahl an Nachhaltigkeitsdaten besser nutzbar zu machen und die Entscheidungsfindung zu verbessern.

Nachhaltiges Wirtschaften bleibt für viele Unternehmen strategisch relevant, gerät im operativen Alltag jedoch zunehmend unter Druck. Der Krieg in Nahost, die schwache Konjunktur und unklare regulatorische Vorgaben verschieben den Management-Fokus derzeit auf kurzfristige Performance-Ziele. Der in den vergangenen Jahren gewachsene Rückhalt für Umweltschutz, soziale Nachhaltigkeit und gute Unternehmensführung (ESG) verliert dadurch an Dynamik. Dennoch plant der Großteil der Unternehmen derzeit keinen Stellenabbau im Nachhaltigkeitsbereich: 51 Prozent der befragten Unternehmen erwarten in den kommenden drei Jahren keine Veränderung der Vollzeitäquivalente (FTE) im ESG-Umfeld, mehr als ein Drittel (35 %) rechnen sogar mit einem Anstieg. Zusätzliche Stellen entstehen vor allem in Unternehmen, die künftig unter die europäische Nachhaltigkeitsberichterstattung CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) fallen.

Unternehmen, die bereits in die Dekarbonisierung ihrer Produktion und Lieferketten investieren, bleiben zwar grundsätzlich auf Kurs, kämpfen jedoch mit deutlich schwierigeren Rahmenbedingungen. Gerade in emissionsintensiven Branchen gehen damit häufig milliardenschwere Investitionen einher. Gleichzeitig haben die angekündigten Omnibus-Erleichterungen zwar langfristig Entlastung versprochen, in den vergangenen anderthalb Jahren jedoch häufig zu Abwarten und Verzögerungen geführt. Erst jetzt beginnen viele Unternehmen – auch jenseits großer Konzerne – wieder, Nachhaltigkeit konsequenter zu priorisieren. Fast drei Viertel der befragten Unternehmen (71 %) geben an, trotz der aktuellen Herausforderungen ein hohes oder sehr hohes Ambitionsniveau bei Nachhaltigkeit zu verfolgen. Gleichzeitig gestehen jedoch nur 13 Prozent der Nachhaltigkeitsverantwortlichen ihrem Bereich einen großen strategischen Einfluss zu.

Ökonomischer Impact entscheidend

Zu den größten Hürden für nachhaltiges Engagement zählen unklare regulatorische Anforderungen, fehlende Wirtschaftlichkeit und knappe Budgets. Nachhaltigkeit wirkt derzeit vor allem über indirekte Werttreiber wie Reputation oder Arbeitgeberattraktivität – weniger jedoch über konkrete wirtschaftliche Effekte wie Kostensenkungen oder zusätzliche Umsatzpotenziale. Bei strategischen Entscheidungen, etwa zu Investitionen, Standorten oder Budgets, werden Nachhaltigkeitsaspekte bislang noch nicht flächendeckend berücksichtigt. Vielen Unternehmen fehlt weiterhin ein belastbarer Business Case für Nachhaltigkeit. Unterm Strich bleibt die Einschätzung dennoch positiv: 91 Prozent der befragten Unternehmen bewerten Nachhaltigkeit langfristig als vorteilhaft. Kurzfristig werden die Vorteile jedoch deutlich weniger ausgeprägt wahrgenommen. „Nachhaltigkeit steht weiter auf der Agenda, muss sich derzeit aber gegen kurzfristige Krisen- und Kostenthemen behaupten“, sagt Peter Sattler. „Unternehmen müssen den Beitrag zum Geschäftserfolg nachvollziehbar machen können, damit Nachhaltigkeit nicht auf reine Compliance reduziert wird.“

ESG-Reporting allein macht Unternehmen nicht nachhaltiger

Während viele Unternehmen ihre ESG-Berichterstattung professionalisiert haben, bleiben nachhaltige Faktoren in der Unternehmenssteuerung häufig unterrepräsentiert. Nur jedes dritte Unternehmen hat messbare ESG-Ziele vollständig umgesetzt, lediglich sieben Prozent integrieren Nachhaltigkeit vollständig in Planung und Forecast.

Auch bei wichtigen Geschäftsentscheidungen bleibt die Rolle des Nachhaltigkeitsmanagements begrenzt. Bei Investitionen spielt Nachhaltigkeit nur bei 46 Prozent der Unternehmen eine relevante Rolle, bei Fusionen und Übernahmen bei lediglich 30 Prozent und bei Standort- oder Produktionsentscheidungen sogar nur bei jedem fünften Unternehmen. „Viele Unternehmen berichten heute besser über Nachhaltigkeit, steuern ihr Geschäft aber noch nicht konsequent danach. Dadurch werden viele Nachhaltigkeitsziele in Zukunft nicht erreicht“, sagt Peter Sattler. „Nachhaltigkeit muss näher an das Kerngeschäft rücken – in Investitionen, Produktentwicklung, Einkauf und zentrale Geschäftsentscheidungen.“

KI soll ESG-Steuerung verbessern

Aus Sicht der Entscheider kann Künstliche Intelligenz (KI) ein wichtiger Hebel sein, um Nachhaltigkeitsmanagement effizienter aufzustellen – etwa durch die Auswertung großer Datenmengen, das Erkennen von Unstimmigkeiten oder die Automatisierung von Reporting-Prozessen. In der Praxis können viele Unternehmen dieses Potenzial bislang jedoch nicht ausschöpfen. Häufig fehlen belastbare Daten, klare Verantwortlichkeiten und durchgängige Systemlandschaften.

Hoher Nachholbedarf bei Lieferketten

Besonders in der Lieferkette zeigt sich Handlungsbedarf: Nur 17 Prozent der befragten CSOs bewerten ihre Lieferkettendaten als gut bis sehr gut, während 43 Prozent von schlechter bis keiner Datenqualität berichten. Der Fokus liegt deshalb zunächst auf Grundlagenarbeit. Unternehmen müssen Datenqualität verbessern, Prozesse standardisieren und Systeme so aufsetzen, dass Informationen verfügbar und steuerungsrelevant werden. Erst auf dieser Basis kann KI ihr Potenzial für Nachhaltigkeit und Unternehmenssteuerung voll entfalten.

Über die Studie

Für die Chief Sustainability Officer Studie 2026 befragte Horváth die Hauptverantwortlichen für Nachhaltigkeit (Chief Sustainability Officer, CSO) in 309 Unternehmen in Deutschland, der Schweiz, Österreich und weiteren Ländern zwischen Februar und Anfang April 2026 in persönlichen, fragebogengestützten Interviews.

 

Über Horváth

Horváth ist eine internationale, unabhängige Managementberatung mit 1.400 Mitarbeitenden an Standorten in Europa, den USA und weiteren globalen Märkten. Als Top-Management-Beratung für Transformation, Performance Management und Digitalisierung führen wir Unternehmen und öffentliche Organisationen zu nachhaltigem Erfolg und langfristig hoher Wertschöpfung. Horváth zeichnet sich durch fundierte, innovative Beratungsansätze und Lösungen aus – basierend auf unseren Wurzeln und Werten, geprägt durch unseren Gründer Professor Péter Horváth. Kunden und Kundinnen, von Vorstands- bis Fachebene, schätzen in besonderem Maße die ausgeprägte Fachexpertise, die Implementierungsstärke sowie die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Für die hohe Zufriedenheit mit den erreichten Projektergebnissen ist Horváth vielfach ausgezeichnet.

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